20.12.2017
Frank Müller

HACH, WIE SCHÖN!

WIE MACH‘ ICH MEIN UNTERNEHMEN SCHöN?

Google inszeniert seine Büros als Spielplätze für Erwachsene. Die Büroflächen von Facebook sind besonders weitläufig. Und im Twitter Headquarter können Mitarbeiter auf der Dachterrasse das sonnige Wetter Kaliforniens genießen. An die Stelle öder Arbeitsplätze und des grauen Einerleis treten bunte und flexible Raumkonzepte. Sie sollen den Austausch und das Wohlbefinden der Mitarbeiter fördern und das Unternehmen ins richtige Licht rücken. Das ist manchmal leichter gesagt als getan.

 

Mit stolz geschwellter Brust führen Unternehmensverantwortliche ihre Kunden durch ihre kreativ gestalteten Räume, in denen es an jeder Ecke etwas Neues zu entdecken gibt. Nicht weniger stolz werden Bewerbern die topmodernen Work Spaces präsentiert. Was vor einigen Jahren noch Startups vorbehalten war, ist heute auch in arrivierten Unternehmen angekommen. Parallel dazu halten moderne Arbeitsplatzkonzepte wie Desksharing (Präsenz-Management), Co-Working (Miet-Arbeitsplätze) und Unified Communications (Bündelung von Kommunikationskanälen in einer App) Einzug in die Büros. Die Bedeutung des Arbeitsplatzes hat sich radikal gewandelt – vom Ort der leidigen Pflichterfüllung zu einem mit allen Finessen ausgestatteten Lebens- und Wohlfühlort. Die Frage, vor der viele Unternehmen nun stehen: Sollen sie auf den fahrenden Zug aufspringen? Schließlich verlangt die Modernisierung von Arbeits-, Sozial- und Meetingräumen erhebliche Investitionen.

Mitarbeiter zu Architekten ihres Arbeitsplatzes machen

Die einfache Antwort auf die Frage nach dem Sinn und Unsinn des Interior-Designs: Eine motivierende Umgebung schafft motivierte Mitarbeiter. Kunden suchen in der Innenraumgestaltung nach Kriterien für Innovationsgeist oder Kreativität. Sie schätzen Arbeitsmeetings in einer inspirierenden Umgebung. Niemand kommt auf den Gedanken, dass auf tristen Teppichböden, an antiseptischen Schreibtischen und auf fahlen Flipcharts neue Ideen sprießen. Das ist aber nur die halbe Wahrheit: Denn eine knallbunte Bürogestaltung mit Tischkicker und integriertem Bällchenbad bedeutet noch nicht, dass die Arbeitsumgebung für die Mitarbeiter optimal gestaltet ist. Auch auf schicken Sitzmöbeln kann man überfordert oder frustriert sein. Deshalb ist es wichtig, sensibel auf die jeweiligen Bedürfnisse derjenigen einzugehen, die an ihrem Arbeitsplatz einen großen Teil ihres Lebens verbringen. Diese decken sich nicht immer mit den schicken, von Innenarchitekten am Reißbrett entworfenen Vergnügungsparks.

Ein gutes Beispiel für solche Missverständnisse ist die Verwandlung von kleinen Büros in Großräume. Hyperkommunikative Flächen sollen dem schnellen Austausch dienen und das Teamwork fördern. Doch gute Kommunikation bedeutet nicht, dass alle durcheinanderschreien. Es möchte auch niemand den Kollegen zum unfreiwilligen Zeugen machen, wenn er am Telefon den Termin zum nächsten Prostata-Check vereinbart. Kommunikation braucht Ruhe, manchmal auch Zurückgezogenheit und Abschottung. Von Desksharing-Nutzern hört man erste Bedenken, wenn sie Symbole des Privaten wie Fotos, Wandkalender oder sonstige Accessoires in einen Spint packen oder sie tagtäglich in einem beweglichen Container an den nächsten freien Platz ruckeln müssen. Am Ende, so hört man weiter, würde sich sowieso jeder seinen Lieblingsplatz suchen, und die alte statische Sitzordnung sei wiederhergestellt.

Die naheliegende Lösung lautet, die eigenen Mitarbeiter konsequent am Interior-Design und an der Arbeitsplatzgestaltung zu beteiligen. Denn heute formt nicht mehr das Unternehmen seine Arbeitnehmer, diese formen das Unternehmen. Es ist nicht schwer, diese Entwicklung aufzugreifen und in eine Win-Win-Situation zu verwandeln. Eine wirkungsvolle Maßnahme ist beispielsweise die Bildung von Arbeitsgruppen, die sich mit unterschiedlichen Bereichen der Innenraumgestaltung befassen. Sinnvollerweise wird zunächst eine möglichst breite Ideenbasis geschaffen, erst anschließend erfolgt die Selektion und Verfeinerung. Die Ergebnisse dieser internen Workshops können dann in einem größeren Kreis aufeinander abgestimmt werden.

Mit dem Interior-Design das Unternehmen erlebbar machen

Die zweite Aufgabe des Interiors besteht darin, das Selbstbild des Unternehmens zu vermitteln. Während das Branding früher eindimensional verstanden wurde und sich darin erschöpfte, dass man die Innenräume in den Firmenfarben strich oder mit anderen Elementen aus dem Corporate Design zuplakatierte, drücken moderne Büros den Geist des Unternehmens aus, seine DNA. Darüber hinaus lenkt modernes Branding den Blick auf komplexe Erlebnisformen, wie etwa die Karriere der Customer Journey beweist. Eine Frage, die sich Unternehmen und ihre Mitarbeiter bei der Innenraumgestaltung stellen sollten, lautet: Welche Geschichte will das Unternehmen mit seinem Interior-Design über sich erzählen? Steht das technologische Know-how im Vordergrund oder die spielerische Kreativität? Und welches Erlebnis sollen Mitarbeiter und Kunden an den unterschiedlichen Kontaktpunkten haben: am Empfang, im Wartebereich, am Arbeitsplatz, im Pausenraum, am Konferenztisch? Besser noch: Welches Erlebnis bedeutet für sie einen überzeugenden Nutzen, sei es langfristig oder für den Moment?

Wie sich jede Person in einer Rolle bewegt, und zwar fortwährend, so tun dies auch Unternehmen. Harald Schmidt hat die Selbstverständlichkeit der Selbstinszenierung in einem FAZ-Interview erfrischend illusionslos beschrieben. Das Streben nach Authentizität, findet er, sei im Grunde unsinnig. Mal sei er, Schmidt, der Parkplatz-Überquerer, mal der Bahnreisende, mal der Kinder-vom-Kindergarten-Abholer: „Ich finde es (…) anstrengend, dass so viele Leute permanent sie selbst sind oder besser: das, was sie glauben zu sein. Anstatt sich mal zu überlegen: Was erfordert der Umgang mit anderen?“

Was also erfordert der Umgang mit Mitarbeitern und Kunden? Wer sich das fragt, ist in Sachen Innenraumgestaltung schon einen entscheidenden Schritt weiter. Nicht immer geht es um den großen Wurf, die radikale Transformation. Bereits kleine Maßnahmen wie hohe Decken, natürlicher Lichteinfall, ergonomische Möbel, Pflanzen und Ruhezonen können sich positiv auf das Wohlbefinden auswirken, Krankenstände reduzieren, die Leistung steigern und Arbeitgebern im War for Talents einen Attraktivitätsvorteil schaffen. Kunden erinnern sich oft an Kleinigkeiten wie den bequemen Sessel, den Blick ins Grüne, die Kaffeebar oder die individuelle Gestaltung von Wänden oder Türen.

Wann machen Sie Ihr Unternehmen schön?

Hier geht’s zu den „20 schönsten Büroräume(n) der Tech-Welt“!

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