07.09.2017
Frank Müller

FREMDGESCHÄMT

DER BABO ALS BüRGERMEISTER

Was ist eigentlich ein Babo? Was haben Übergrößen mit Politik zu tun? Und welche Rolle spielt bei alldem Helge Schneider? Die hier vorgestellten Plakate zu einer Bürgermeisterwahl werfen viele Fragen auf. Sie hängen in einer Stadt, von der die Zeit schrieb, dass sie Kulturbürgern „als zu umfahrendes Krisengebiet vor Frankfurt“ gelte: in Offenbach.

 

„Wähl den Babo“, fordert Oberbürgermeisterkandidat Mushin Senol potenzielle Wähler auf. Das überwiegend in schwarz gehaltene Plakat zitiert das martialische Cover der CD Russisch Roulette des Offenbacher Rappers Haftbefehl, auszusprechen im stimmlosen velaren Frikativ: „Chaftbefehl“. Anders als der Musiker hält Senol jedoch keine Patrone zwischen den Fingern, sondern den Schlüssel für ein „besseres Offenbach“. Mit „Babo“, dem Jugendwort des Jahres 2013, einer aus dem Zazaischen stammenden Entsprechung für „Boss“ oder „Chef“, meint Senol sich selbst. „Nur die Babos wissen, wer der Chabo ist“, heißt der referierte Haftbefehl-Song. Mit dem Plakat zielt Senol auf die junge Zielgruppe: Ich finde Haftbefehl gut. Wenn ihr Haftbefehl gut findet, dann findet ihr auch mich gut. – Mit dem simplen Sympathie-Transfer will der Kandidat die Stimmen jener fischen, die ihm als „Chabos“, also Untergebene, folgen wollen.

Adipositas als Argument betrachtet

Groß mit „XXL“ ist das Wahlplakat von Peter Freier überschrieben. Nein, hier wirbt kein außer Façon geratenes Möbelhaus. Der abgebildete Kandidat selbst ist ein Schwergewicht und erhebt eben diesen Umstand zum tragenden Argument. Man kann das als Authentizät empfinden: Seht her, ich bin so, wie ich bin und stehe dazu. Oder als ein sattes sich Sonnen im eigenen Sosein: Ich bin in meiner Meinung unverrückbar. –  Doch bloße Leibesfülle allein befähigt ja noch nicht, ein politisches Amt auszufüllen. Ansonsten könnte man anstatt der Wahlurnen ja einfach eine Personenwaage aufstellen. Was steckt also sonst noch hinter dem „XXL“: Große Vorhaben? Elefantöse Veränderungen? Die Hoffnung auf ein fettes Plus in der Stadtkasse?

Die ungleichen Helges

Auf einen Gag setzt Helge Herget: „Schneider geht, Helge kommt“, heißt es auf seinem Plakat in Anspielung auf den aktuellen OB Peter Schneider. Sicher, Herget will Schneider im Rathaus ablösen. Das ist das Ziel jedes Kandidaten mit Ausnahme des Amtsinhabers, eigentlich selbstverständlich und deshalb – das Selbstbewusstsein des Hergets in allen Ehren – nicht weiter erwähnenswert. Auch das durch die „Kreuzung“ der Kandidatennamen im Kopf des Lesers entstehende Bild des Unterhaltungskünstlers Helge Schneider offenbart sich nicht als irgendwie weiterführend. Das Plakat bleibt eine Lachnummer. Man möchte es, schon aus Respekt vor der intelligenten Komik von Hergets Vornamensvetter, eingerieben mit Mutter-Butter im Katzeklo entsorgen.

Kreativität, inhaltsleer.

Was an allen drei Plakaten so frappiert, ist nicht ihre mangelnde Kreativität. Es ist eine Kreativität, die von einem völligen Kontaktverlust zu ihren (politischen) Inhalten gekennzeichnet ist. Warum ist dieser Wahlwerbung  jedes Mittel recht? Warum erklärt sie die Wähler zu unpolitischen Deppen, die mit allem möglichen zu beeindrucken sind, nur nicht mit einem Programm? Vielleicht haben die Offenbacher Kandidaten schon aufgegeben, bevor sie begonnen haben. Auch kein guter Einstieg in ein Amt.

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