25.10.2017
Frank Müller

FREMDGESCHÄMT

TREULOSE SOPHIE

Austauschbar, charakterlos und wenig individuell: Fotos aus Stock-Archiven genießen keinen besonders guten Ruf. Ein oft gefürchteter Effekt ist, dass mehrere Unternehmen auf ein- und dasselbe Motiv zurückgreifen – und dem Marketer das eigene Testimonial auf einem Plakat der Konkurrenz entgegenblickt. Diese Angst ist nicht ganz unbegründet, wie der Fall der „Business Sophie“ beweist.

 

Sie ist jung, adrett und lächelt ein freundliches Zahnpastalächeln. Bekleidet ist sie mit einem schwarzen Jacket oder einem Arztkittel. Mal spielt sie die Rolle der Kundin, mal ist sie Botschafterin einer Marke oder eines Unternehmens. Diese diffusen Eigenschaften sind es, die das in Designerkreisen als „Business Sophie“ bekannte Model zu einem ebenso beliebten wie verbreiteten Motiv machen.

Das Gesicht als leere Einschreibfläche

Keine Besonderheit wird in Sophies Gesicht sichtbar, kein typisches Merkmal stört die glatte Mimik. Darin übertrifft sie selbst anderes, in ähnlicher Manier inszeniertes Stock-Material. Sie ist die Steigerung der Ausdruckslosigkeit, der Durchschnitt des Durchschnitts. Als kleinster gemeinsamer Nenner des Geschäftslebens strahlt sie eine antiseptische Neutralität aus. Die Business-Frau bietet dem Betrachter keinen Haltepunkt, keinen Anker. Als visueller Blindtext wird sie widerstandslos inhaliert.

Bildaussage nahe am Nullpunkt

Das Meeting, an dem Sophie teilnimmt, der Deal, den sie eingefädelt hat – sie waren irgendwie erfolgreich oder beglückend. Darum freut sie sich und lächelt den Betrachter im Vordergrund an. Das muss man doch einfach sympathisch finden. Auf unserem Foto schmückt Sophie – aus welchen Gründen auch immer – die Messewand eines Pharmaunternehmens auf der CphI 2017 in Frankfurt. Treulos wie sie ist, wird das nicht ihr letzter Job gewesen sein.

Hier gibt’s noch mehr mit der Business Sophie!

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