30.12.2019
Frank Müller

NEBENBEI

HAPPY NEW YEAR: DIE GOLDENEN ZWANZIGER KOMMEN!

Am 1. Januar 2020 treten wir in ein neues Jahrzehnt ein, die „Goldenen Zwanziger“ beginnen. Wirklich? Mit den folgenden drei Besserwisser-Tipps gewinnen Sie auf der Silvesterparty im Handumdrehen viele neue Freunde.

 

Besserwisser-Tipp 1:
Das neue Jahrzehnt beginnt erst ein Jahr später, am 1. Januar 2021.

Wenn um Punkt zwölf die Korken knallen und jemand einen Toast auf das „neue Jahrzehnt“ ausbringt, schlägt Ihre Stunde. Denn Sie wissen es natürlich besser. „Die christliche Zeitrechnung“, erklären Sie mit erhobenem Zeigefinger, „kennt 1 vor Chr. und 1 nach Chr. aber kein Jahr Null. Die Zeit von 01.01. im Jahr vor Christus bis zum 01.01.01, also nach Christi Geburt, wird demzufolge als ein Jahr gezählt – und nicht als zwei Jahre. Dementsprechend reicht das erste Jahrzehnt vom 01.01.01 bis 31.12.10. Auch jede folgende Dekade endet immer mit dem 31. Dezember des ersten Jahres mit neuer Dezimalzahl, im aktuellen Fall ist das der 31.12.2020. Das nächste Jahrzehnt beginnt also erst am 1. Januar 2021. Es gibt keinen Grund, schon vorher die Hühner scheu zu machen!“

Legen Sie eine Kunstpause ein und genießen Sie zwei Schlucke Sekt lang das offenäugige Staunen der Umstehenden. „Allerdings ist es durchaus möglich“, so fahren Sie fort, „zwischen dem formalen Beginn eines Jahrzehnts und der Feststellung ,Jetzt beginnen die 20er Jahre‘ zu unterscheiden. Die ,eigentliche Dekade‘, wie sie Historiker definieren, hat nämlich einen ungebildeten Zwillingsbruder, die ,gebräuchliche Dekade‘. Damit kommt man der Neigung vieler Menschen entgegen, ein Jahrzehnt umgangssprachlich immer im ,Nullerjahr‘ einsetzen zu lassen und am Ende des ,Neunerjahres‘ zu verabschieden. Wer diesen – sehr gewöhnlichen – Sprachgebrauch vorzieht, kann meinetwegen weiterhin von den 20er Jahren sprechen und damit den Zeitraum von 2020 bis 2029 meinen.“

Besserwisser-Tipp 2:
Die Goldenen Zwanziger waren gar nicht so „golden“.

Spätestens nach diesem Vortrag hängen alle Partygäste an Ihren Lippen. Wie können Sie die Stimmung jezt noch steigern? Zum Beispiel mit einem zeitgeschichtlichen Exkurs! „Ach ja, die Goldenen Zwanziger …“, sinnieren Sie, als ob Sie Marlene Dietrich damals persönlich zugejubelt hätten. „Die Ära begann 1924 mit der Einführung der Rentenmark und wurde 1929 durch die Weltwirtschaftskrise beendet. Dank Milliardenkrediten aus dem Ausland erholte sich die Wirtschaft von der Hyperinflation. Wir lebten sozusagen auf Pump. Ein echtes Konjunkturhoch gab es eigentlich nur in den Jahren 1926 bis 1928. Im Vergleich zu den vorangegangenen Krisenzeiten ging es den Leuten jedoch so passabel, dass sich für sie die zweite Hälfte der 20er Jahre geradezu ,golden‘ anfühlte. Tja, wer gerade aus einer Jauchegrube herausgeklettert ist, für den riecht alles nach Chanel.“ Dann legen Sie die Stirn in bedeutungsvolle Falten. „So ein ,goldenes‘ Jahrzehnt“, orakeln Sie, „steht uns jetzt auch bevor. Dafür werden Klimakrise, Wirtschaftsflaute und die Politik schon sorgen.“ Murmeln Sie jetzt noch etwas von neuer Sachlichkeit, Zigarettenspitzen, Perlenketten, Boas und Bubiköpfen. Wenn man Sie bis dahin nicht für einen Überflieger gehalten hat, dann tut man es jetzt.

Besserwisser-Tipp 3:
„Silvester“ wird mit „i“ und nicht mit „y“ geschrieben, wenn damit der letzte Tag des Jahres gemeint ist.

Nun wird es Zeit für die letzte Zündstufe – den dritten Besserwisser-Tipp. Ziehen Sie theatralisch die Einladungskarte aus der Sakko-Tasche und präsentieren Sie sie der Gästeschar: „Haben Sie das mal genau gelesen? Hier steht ,Sylvester-‘ und nicht ,Silvester-‘Feier. Sylvester heißt der Hauptdarsteller in Filmen wie ,Rocky‘ und ,Rambo‘. Karl-Theodor zu Guttenberg trägt etliche Vornamen, darunter ebenfalls ein Sylvester. Auch ein alter Bekannter aus unserer Kindheit heißt Sylvester: der Comic-Kater, der immer den kleinen Vogel Tweety jagt. Etwas ganz anderes ist der letzte Tag eines Jahres, benannt nach Papst Silvester I. (314–335 n. Chr.). Er starb an einem 31. Dezember und gab dem Tag seinen Namen. Darum wird Silvester immer mit ,i‘ geschrieben. Nur beim Vornamen Sylvester/Silvester finden sich beide Schreibweisen. Wenn ich zu einer ,Sylvester‘-Party eingeladen werde, dann will ich den Namensträger wenigstens persönlich kennenlernen. Unser Gastgeber hätte sich also vorher überlegen sollen, was oder wen wir hier feiern sollen, den Jahresausklang oder eine Person!“ Damit ist der Silvesterabend gerettet und Sie gehen als unverbesserlicher Besserwisser in die Geschichte des neuen Jahrzehnts – pardon – der 20er Jahre ein.

Auf einen beschwingten Übergang und ein glückliches neues Jahr 2020!

Foto: Marlene Dietrich im „Blauen Engel“, gemeinfrei

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