20.09.2018
Frank Müller

NEBENBEI

PINGELIGE MARKEN

„Riesen Wiesn-Fauxpas: Ritter Sport wirbt mit Deppenapostroph“, überschreibt die „Werben & Verkaufen“ einen Artikel. Der schwäbische Schoko-Hersteller tritt ins Oktoberfest-Fettnäpfchen und degradiert die heilige „Wiesn“ plaktatfüllend zur „Wies’n“. Auch die „taz“ und die „Bild“ berichten.

 

Als Apostrophitis oder Apostrophenwahn bezeichnen Sprachkritiker und Sprachpfleger die normwidrige Verwendung des Apostrophs. Jene, denen angesichts solcher Unstimmigkeiten die Halsschlagader unschön anschwillt, nehmen kein Blatt vor den Mund und sprechen vom Deppenapostroph oder Idiotenapostroph.

Das falsch gesetzte Strichlein ist die Folge einer Übergeneralisierung: der kopflosen Übertragung des englischen Genitivs („Mc Donald’s“) auf die deutsche Sprache. (Einen ähnlichen Reflex zum fehlerträchtigen Flächenbomardement konnte man nach der Rechtschreibreform auch mit Blick auf das vermeintlich durch das Doppel-s ersetzte „ß“ beobachten, was Unwörter wie „Grüsse“ oder „Fusscreme“ hervorgebracht hat.)

Doch Achtung: Der Apostroph verdeutlicht auch die Grundform von Personennamen. „Andrea’s Blumenecke“ ist deshalb genauso korrekt wie „Willi’s Würstchenbude“. Nicht jeder ist ein Depp, der dafür gehalten wird. Vor dem Plural-s steht übrigens niemals ein Apostroph: „Hamburgs Reedereien“.

Warum wird ein fehlerhaft gesetztes Zeichen zum medialen GAU hochgespielt? Ein Grund: blanke Schadenfreude. Dieser niedere Affekt wird seit „Zwiebelfisch“-Zeiten von fleißigen Fehler-Rechercheuren ebenso fleißig bedient. Ein zweiter Grund hat mit unserer Wahrnehmung von Marken zu tun: Wie sollen Hersteller von Lebensmitteln und Gefahrstoffen sorgfältig mit ihren sensiblen Produkten umgehen, wenn sie nicht einmal die Rechtschreibung beherrschen? Auch Pingeligkeit kann zur Markenidentität gehören. Einer Marke für Turnschuhe wird man solche Unachtsamkeiten sicher eher verzeihen.

Ritter Sport hat die fehlerhaften Plakate inzwischen durch neue ersetzt. Während Sie jetzt sicher fieberhaft Ihre Texte Korrektur lesen (oder heißt es: „korrekturlesen“?) halten wir es mit einer alten Texterweisheit: „Genitiv ins Wasser, weil es Dativ ist.“

Hier geht’s zu deppenapostroph.info!

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