19.06.2017
Frank Müller

NEBENBEI

WIE MORALISCH KANN EIN DöNER SEIN?

Gesundheit und Fitness prägen unsere Gesellschaft umfassend. Jetzt hat die „Health Society“ ein neues Kapitel eingeläutet. Darin taucht ein Körperteil auf, der sich für den Griff in die Chipstüte als gänzlich ungeeignet erweist: der moralische Zeigefinger.

In der Ära der Selbstoptimierung wird der eigene Körper mit quantitativen Methoden vermessen: Smarte Self-Tracking-Tools zeichnen Wach- und Schlafrhythmen genauso auf wie den Herzschlag, die Schrittzahl, den Kalorienverbrauch, und anderes mehr. Dabei verraten die auf der Timeline zur Schau gestellten Statussymbole der eigenen Gesundheit allerdings noch mehr als das Bedürfnis nach objektiver Validierung.

Gesundheit als ethische Maxime

Denn Gesundheit hat sich inzwischen von der medizinischen zu einer moralischen Kategorie geläutert. Wer sich schlecht ernährt oder oft das Krankenbett hüten muss, macht sich verdächtig. Abfällig blicken wir im Discounter auf den Kunden vor uns, der seinen Einkaufswagen mit Schokolade und Softdrinks vollstopft. Und der aus dem Leim gegangene Kollege, bei dem in der Mittagspause häufig Döner statt Quinoa-Salat auf der Speisekarte stehen, ruft eine heimliche Empörung hervor, weil er wichtige Werte mit Füßen zu treten scheint: Er hat sich und vermutlich auch seinen Job nicht im Griff, mit seinem adipösen Leib ist er ein Pfropf in der schnurgeraden Pipeline schlanker Prozesse.

Rennen für den Erfolg

Ein paar Karrierestufen höher, im gehobenen Management, ziehen die joggenden Führungskräfte an den Sitzenbleibern vorbei. Die schlanken, zähen und zielstrebigen Langstreckenläufer sind die neuen Ideale der Arbeitswelt. Sie sind für die Hetze und den permanenten Wettkampf des Berufslebens optimal trainiert. Und selbstverständlich werden die von den „Marathon-Managern“ – so heißt eine Sonderwertung des Frankfurt Marathons – aktivierten Werthaltungen entsprechend honoriert: Studien haben herausgefunden, dass Jogging neben Glückshormonen auch üppige Gehälter ausschüttet. Mit dem Schweiß fließt auch das Geld.

Schmale Hemden

Und auch in der Politik wird körperliche Attraktivität zu einem wichtigen Kriterium. „Junge Wähler mögen ‚Slim Fit Warrior‘“, titelte jüngst die Online-Ausgabe der Welt. So verkörpern in Österreich „sichtbar fitte“ Spitzenkandidaten wie Sebastian Kurz einen neuen Idealtypus von Politikern, die anhand von oberflächlichen Merkmalen bewertet werden, jenseits politischer Inhalte. Vorbei die Zeiten, als Staatslenker wie Kohl oder Strauß als wandelnde Bekenntnisse zur eigenen Unmäßigkeit der politischen Willensbildung Gewicht verleihen konnten.

 

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