22.06.2018
Frank Müller

WILDER OSTEN

EXZENTRIKER UND ANDERE FECHENHEIMER

„In Frankfurter Gesellschaft – Fechenheim innen und außen“, so ist die Fotoausstellung im Saal des Heimat- und Geschichtsvereins Fechenheim überschrieben. Die Bilder zeigen, was Außenstehende oft nicht zu sehen bekommen. Und das, was jedermann vor Augen hat – aber trotzdem unsichtbar bleibt.

 

Unter dem Hut wallen lange Haare hervor, die üppig mit Ringen dekorierte Hand umfasst einen gefleckten Gehstock. Der Mann mit der bestickten Uniformjacke steht in einem Raum, dessen Wände übervoll mit Bildern behängt sind. Fotos, Postkarten und andere Schriftstücke baumeln von der Decke. Auf Tischen, Stühlen und dem Fußboden lagern alle möglichen Wunderlichkeiten. Ortskundige erkennen schnell den Fechenheimer Künstler Patt Vanhöfen, der sich hier in seinem Atelier präsentiert.

Die eigene Freiheit im Anderen entdecken

Ein paar Meter weiter erblickt man einen weiteren Ortsansässigen neben zwei weißen Pferden. Außer den Schimmeln, so wissen die Fechenheimer, besitzt dieser noch zwei weiße Schäferhunde. Das märchenhafte Vierergespann kann man häufig durchs Örtchen ziehen sehen. Die exzentrischen Persönlichkeiten auf den Fotos von Anna Pekala wirken auf ihre Umwelt als eine Art Korrektiv. Indem sie eine spielerische Haltung gegenüber gesellschaftlichen Konventionen entwickeln, Üblichkeiten hinterfragen und unsere eigenen Wünsche und Phantasien in einer Art Stellvertreterfunktion ausleben, erinnern sie uns daran, wie viel persönliche Freiheit wir täglich unnötigerweise verschenken.

Jeder spielt seine Hauptrolle.

Doch nicht nur „unangepasste“ Fechenheimer sind auf den 25 großformatigen Portraits zu sehen. Auch „Normalos“ hat Pekala fotografiert: Eine alte Dame mit Tochter und Enkelin. Eine junge Frau, die sich neben ihrem riesigen Hund auf einer Couch niedergelassen hat. Ein Mädchen neben einem gigantischen Puppenhaus. Eine Mode-Designerin mit Stücken aus ihrer eigenen Kollektion. Zwei Joggerinnen. Einen Bücherwurm vor bis zur Decke reichenden Regalen mit Science-Ficition-Literatur. Eine vierköpfige Familie, die ihre Sport-Accessoires präsentiert. Den Fechenheimer Buchhändler, der offenbar auch ein passionierter Musiker ist. – Sie alle präsentieren sich dem Betrachter, wie sie am liebsten gesehen werden wollen.

Entstanden ist ein Kaleidoskop der Vielfalt, Individualität und Gemeinschaft des östlichsten Frankfurter Stadtteils. Man kann sich gut vorstellen, dass der überraschte oder neugierige Blick in das Wohnzimmer des Nachbarn bei den Besuchern auch das eine oder andere Gespräch in Gang setzt. Ei guck emol, kenne Se den aach?

Ausflüge in die Menschenleere

Nicht immer jedoch befindet sich der Betrachter in der privilegierten Situation, einen Blick hinter die Fassaden auf das Privateste zu erhaschen. Die Ausstellung spielt mit der Gegensätzlichkeit von Innen und Außen. Auf den Fotos von Florian Albrecht-Schoeck bleiben wir ausgesperrt unter freiem Himmel. In dieser Welt ohne Menschen dominieren Fechenheimer Plätze, Häuserfassaden, Brücken oder das Mainufer die Motive. Strukturen, Lichtkompositionen, Farben und Kontraste bestimmen die Bildkompositionen. Nicht alle Fotos sind „schön“ im klassischen Sinn. Eine abgeknickte Laterne und ein maroder, im Nichts endender Weg verweist auf unwirtliche Situationen, die man im Frankfurter Osten ebenfalls findet. Sie bilden das Kontrastprogramm zu den aufgeräumten und heimeligen Innenwelten.

Um die 700 Fotos haben Pekala und Albrecht-Schoeck schon von unterschiedlichen Stadtteilen geschossen. Ende des Jahres – nach Ausstellungen in den Stadtteilen Nordweststadt, Sindlingen sowie im Gutleutviertel – wird ihr Projekt abgeschlossen sein. Eine Gesamtausstellung ist angedacht.

Übrigens: Ein Teil der Porträts wurde schon im Historischen Museum Frankfurt gezeigt.

Hier geht‘s zur Website des Projekts „In Frankfurter Gesellschaft“!

 

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