19.06.2017
Frank Müller

WILDER OSTEN

VERGESSENE AUTOWELTEN

In der Werkstatt in der Baumertstraße 38 riecht es nach Motoröl. Überall hängt Werkzeug. An den Wänden lehnen alte Auspuffrohre und andere Ersatzteile. Vor mir steht ein weißer 69er Alfa Romeo Spider: Dieses Modell hat Dustin Hoffmann durch den Film „Die Reifprüfung“ gesteuert. Und auf schweren Tischen thronen Motorblöcke, an denen die Operation am offenen Herzen gerade pausiert.

 

Geschmack hat keinen Preis.

In dieser Welt ist Ralph Dambacher zu Hause. Er hat sich auf Liebhaberfahrzeuge spezialisiert. Damit sind Autos gemeint, die er auch privat liebt: Alfa Romeo und Porsche sind seine Marken. Hochpreisige Raritäten, die in klimatisierten Räumen unter Verschluss gehalten werden und die Straße nur selten zu Gesicht bekommen, liegen dem sympathischen Kfz-Meister weniger. Zwar repariert er für einen Kunden gerade ein historisches BMW Coupé, aber das sehr teure Auto in seiner Werkstatt scheint ihm fast unangenehm zu sein. In den angrenzenden Garagen auf dem Hof stehen Autos nach seinem Gusto: ein Porschemodell im ikonischen Sepiabraun und ein alter Alfa Romeo Sprint im charakteristischen Knallrot. Auch diese beiden Wagen strahlen eine zeitlose Schönheit aus.

Werbewirksamkeit ohne Werbung

Gefragt, was er denn unternehme, um Kunden auf sein Geschäft aufmerksam zu machen, winkt Dambacher ab. Unter Liebhabern funktioniert Mundpropaganda hervorragend. Und so findet Dambachers Kundschaft praktisch von alleine nach Fechenheim. Und einen Spezialisten wie ihn zu finden, ist gar nicht so einfach: Bereits sein Vater reparierte und sammelte Oldtimer und gab diese Leidenschaft und das Wissen an seinen Sohn weiter. Aufgewachsen im Frankfurter Nordend, verschlug es diesen eher durch einen Zufall in den Osten der Stadt. Als ihn ein Bekannter fragte, ob er Partner in der bereits bestehenden Werkstatt werden wollte, wusste er zuerst überhaupt nicht, wo genau Fechenheim liegt. Inzwischen repariert, wartet und verkauft er hier seit über 25 Jahren fremde und eigene Liebhaberstücke.

Immer schön trocken bleiben.

Der Oldtimermarkt lebt heute auch davon, dass viele Menschen ein schönes, altes Auto als vielversprechendes Anlageobjekt sehen, gerade in der Zeit niedriger Zinsen. „Wenn man eine trockene Garage hat, ist das in der Tat keine schlechte Idee“, bestätigt der Kfz-Meister den Trend. Wer sich für den Kauf eines Oldtimers interessiert, sollte unbedingt darauf achten, dass die Karosserie in einem guten Zustand ist. „Das ist das A und O! Motor und Kilometerstand sind gar nicht so wichtig, denn da kann man immer noch viel machen. Aber wenn der komplizierte Innenaufbau der Karosserie einmal beschädigt ist, ist der Wagen einfach nicht mehr stabil“, sagt der Fachmann. Daher kaufen Kenner am allerliebsten in warmen Regionen, wie Kalifornien oder Süditalien, wo die Straßen im Winter nicht gestreut werden und praktisch immer trocken sind.

Charme des Analogen

Ausschließlich alte Autos repariert Ralph Dambacher. An diesen liebt er das Mechanische und Analoge: „Man versteht unmittelbar, was passiert und kann die Lösungen für Probleme intuitiv verstehen.“ Bei den Autos ab Mitte der 80-er Jahre und jüngeren Fahrzeugen wird es da schon schwieriger. Bei diesen Modellen haben die Hersteller begonnen, komplizierte elektronische Steuerelemente zu verbauen. Diese können nicht so einfach repariert werden und müssen bei Defekt eingeschickt werden. Zum Glück sei es gar nicht so kompliziert, an Ersatzteile für die alten Autos zu kommen, sagt Dambacher. Für beliebte Modelle beziehungsweise Hersteller gibt es spezialisierte Händler. Darüber hinaus werden für bestimmte Oldtimer wie den Alfa Romeo Spider oder den Porsche 911 auch heute noch Ersatzteile produziert. Wenn man diese Flitzer richtig pflegt, wartet und ab und zu auch ein Teil austauscht, kann man sie auf der Straße immer noch richtig fordern. Für Sonntagsausfahrten empfiehlt der erfahrene Schrauber, der auch selbst gerne mal Gas gibt, die kurvenreichen Straßen im Spessart oder Vogelsberg.

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