10.11.2017
Helena Dinuz

WILDER OSTEN

WO WOHNT EIGENTLICH DIE WINDSBRAUT?

Mit dem Umzug unserer Agentur in die Frankfurter Carl-Benz-Straße hat sich nicht nur unser Interieur komplett verändert, sondern auch das Panorama. Wenn wir nun aus unseren Fenstern schauen, sticht einem ein Gebäude direkt ins Auge: Bunt beschriftet präsentiert es sich direkt vor unserer Nase – aber: Was steht da überhaupt?

 

Ein Bürokomplex dessen Außenfassade komplett von blauen, gelben und roten Wörtern und Sätzen umhüllt ist. Ein wahrer Blickfang. Keine Frage. Und dennoch stellt sich – auch bei genauerem Betrachten – schnell die Frage, was dort geschrieben steht. Denn die bunten Wortgeflechte sind alles andere als leicht zu dechiffrieren.

Und, weil das mit der Neugier immer so eine Sache ist, habe ich fleißig in die Tasten gehauen und intensive Recherche betrieben. Ergebnis: Die Grundlage der Fassadenmalerei bilden die Gedichte des Offenbacher Künstlers Hagen Bonifer. Sie handeln von der „Windsbraut“, einer poetischen Umschreibung für einen Wirbelsturm. Noch poetischer wäre wohl nur noch die Bezeichnung „Geliebte des Windes“.

Verarbeitet wurden insgesamt drei Gedichte. Deshalb auch die Farben rot, gelb und blau – für jedes Gedicht eine Farbe. Die Intention dahinter? Dem Gebäude Ausdruck zu verschaffen. Es in seiner Individualität künstlerisch zu fassen. Dabei unterscheiden sich die lyrischen Texte nicht nur farblich voneinander. Sie weisen auch gestalterische und typografische Besonderheiten auf: Ein Text dargestellt in Strophen und gemischter Schreibweise. Der andere durchgeschrieben in Minuskeln – ohne Punkt, dafür mit Komma. Und ein dritter geschrieben in Ellipsen und Versalien. Und doch bilden alle eine Einheit. Umkreisen den Bürokomplex, vermischen und überlagern sich. Eine Hommage an die Windsbraut, die ebenfalls – wenn man an besonders stürmischen Tagen ganz genau hinhört – das Gebäude mit ihren tobenden Gesängen umkreist.

Eingeweiht wurde das Fassaden-Kunstwerk in der Carl-Benz-Straße 35 bereits im Jahr 2004. Unter dem Titel „L’art de passage“ (Die Kunst der Begegnung) inszenierte der Frankfurter Immobilien-Investor Ardi Goldman ein offenes Fest, bei dem neben geladenen Gästen, wie dem Kulturdezernent Dr. Hans-Bernhard Nordhoff, auch Passanten herzlich willkommen waren.

Für alle, die sich die Gesänge der Windsbraut einmal genauer anschauen wollen, gibt es hier die originalen Texte zum Nachlesen:

„Die Geschöpfe der Windsbräute“

Text I

Körper
:donnernd grollt: »laut?«
:dröhnt dumpf tönt sich zischt…
:drückt, krampft: »heiss!««
Heisst, da ist:»musik!««
Ist‘s hell, ist‘s klar, ist‘s weiss?
Singt: »bin licht««
Wasser gar?
Warm ist blut bade warm
Gelblich floss beschifft
Braun brunzt roch
War!, ist in vorher nicht.
Vom plötzlich da bricht ein schrei
»Blau!« verlangt zurück
»Ich!,« farbe geneckt, nasch‘ am ekel.
Bar. »Bäh!««
Eigen? TOT?
Und doch:
Wohl lag in einem lebendbau
Satt
Ging als hakt es alles
unter
Traum
Schleicht in meiner hinterdrein er aus
Ich aber schlief

Text II

wie ein sturm im neben, ihm aufgab zu verstehen, womit er, so wie er es schon durch den anflug der zarten blume ihres parfums sich erhoffte zu garantieren, zu geniessen des rauschs in der nähe ihres leibes, zu liebkosen ihr zartes weiss, in seinen armen zu halten die liebste, ihn bedrang, und wie doch bei alldem gleich dessen erscheinen, im nun sich zeigend, verflogen, plötzlich ihm entschwand. ihm stockte die sicht, ihm überkam die bleiche fratz der lächerlichkeit, das sich ihm neigende, färbende bild der ernüchterung, dieses ihm offenbarte, woran es ihm brach folge zu leisten, ach weh ging klagen.

Text III

JEDEWEDER GEDANKE WIRD AUS DEM SCHOSSE DER SPRACHE GEBOREN. ALLES WAS IST · IST UND BESTEHT IN IHR · DIESEM UNENDLICHEN GEIST DER WORT GEWORDEN IST UND HAT AUS IHM SEIN WESEN. DIE SEELE MIT IHREM VORSTELLUNGSVERMÖGEN IST DIE MUTTER DIE DEN GEDANKEN VOM GEIST EMPFÄNGT UM IHN · IN IHREM SINNLICHEN STOFF · LEICHT ALS WORT ZU GEBÄREN.

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